Silvio Heidler

Interviews mit Silvio Heidler

Auf dieser Seite finden sich gleich zwei Interviews mit Silvio Heidler.

Interview über Hai-Tagging

Vom 24.02.2002

Haiwelt:
Silvio, Du bist eigentlich Polizei-Beamter von Beruf. Was hat ein Beamter wie Du aber mit Haien zu tun?

Silvio Heidler:
Ich hatte dieses interessante Hobby lange bevor ich in den Staatsdienst eingestiegen bin. Seit meiner Jugend haben mich Haie fasziniert. Was mit einem Film - dem Film - "Der Weisse Hai" begann, ist heute zu einer großen Sammlung mit Medienarchiv, Fotoarchiv, Exponatensammlung und eigener Haibar angewachsen. Ganz kurz noch einen Satz zum Schlüsselerlebnis. Im Jahre 1985 ca. Juni wurde der Film "Der Weisse Hai" erstmalig im Fernsehen gezeigt. Wie jeder weiss, ein bewegender Film.

Silvio Heidler

Silvio Heidler
© by Silvio Heidler

Was bei mir erschwerend hinzu kam, war eine geplante Urlaubsreise 4 Wochen später, natürlich ans Meer. Mit dem Riesenfisch im Hinterkopf war mir gar nicht danach schwimmen zu gehen. Aus diesem Grund zog ich los, um mehr über diese Tiere zu erfahren. Trotz der kurzfristig erlangten Erkenntnis, dass es in der Ostsee keine Haie gibt (Anmerkung von Haiwelt: In der Ost-, wie auch der Nordsee gibt es sehr wohl Haie. Mehr dazu unter "Nord-/Ostsee"), bin ich nie tiefer als Halshöhe ins Wasser. Der Film hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Nach diesem Urlaub begann ich dann intensiv mit dem Studium der Haie. Mittlerweile gibt es fast täglich Anfragen, in denen ich heute anderen Leuten Informationen zum Thema Hai liefern kann.

Haiwelt:
Warum setzt Du Dich so für die Haie ein? Was bezweckst Du mit Deiner Arbeit?

Silvio Heidler:
Haie sind ein Geschöpf wie jedes andere Lebewesen auch. Der Mensch denkt immer, er stünde über den Dingen. Wir dringen zunehmend in die Lebensräume der Tiere ein und wundern uns, wenn es zu Angriffen kommt. Jeder Hai versucht nur in seinem jeweiligen Gebiet zu überleben und dies seit über 300 Millionen Jahren. Wenn er dabei auf Menschen stößt, wie etwa Taucher oder Surfer, die dort eigentlich gar nicht hin gehören, kann doch der Hai nichts dafür. Er frisst Beute in seinem Habitat und wenn wir dort eindringen sind wir Beute, so einfach ist das. Weltweit sterben jedes Jahr mehr Menschen an Bienenstichen oder durch Elefanten. Na und? Keiner kommt auf die Idee, die Bienen auszurotten oder Bienenflügelsuppe zu machen. Bei Haien ist das anders. Seit Menschengedenken ist der Hai der Todfeind der Menschen. Gerade bei Seeleuten kann man heute noch beobachten, wie zufällig gefangene Haie an Bord brutal getötet werden und keiner weiß eigentlich warum. Das war schon immer so... Die weltweite Überfischung entzieht zum einen dem Hai die Nahrung, zum anderen ist der Hai selbst Beute des Menschen. Jährlich werden Millionen von Haien getötet, obwohl bewiesen ist, das viel weniger Tiere reproduziert werden. Zwangsläufig muss hier etwas dagegen getan werden. Ich versuche durch meine Vorträge besonders Kinder und Jugendliche zu erreichen. Hier sehe ich persönlich die Zukunft des Haischutzes. Ich versuche den Kindern klar und objektiv die Rolle des Hais im Tierreich zu erklären. Gleichzeitig gehe ich auf die Problematik "Angriffe auf Menschen" ein. Hauptanliegen bei meinen Veranstaltungen ist der Versuch den Hai als Lebewesen rüber zu bringen, der irgendwie greifbar ist. Was ich damit sagen will: Nur ein Tier, was ich kenne, bin ich bereit zu achten und zu schützen!

Haiwelt:
Mittlerweile warst Du auch schon einige Male unterwegs zum "Hai-Tagging", also um Haie zu markieren. Wie bist Du dazu gekommen?

Silvio Heidler:
Wer mit Haien zu tun hat, wird schnell merken: In Deutschland steckt die Forschung und Informationsgewinnung noch in den Kinderschuhen. Nach und nach entstehen Gesellschaften wie die D.E.G - Deutsche Elasmobranchier Gesellschaft, die sich für den Schutz der Haie einsetzten und Aufklärung zum Schutz dieser Tiere betreiben. Als ich auf der Suche nach Info-Quellen war, gab es diese Gesellschaft noch nicht, also wendete ich mich an die USA, wo seit Jahren intensiv mit Haien geforscht wird. Dort gibt es auch eine amerikanische Gesellschaft zum Schutz der Haie, analog zu der deutschen. In dieser Gesellschaft gibt es seit Jahren ein Taggingprogramm. Hier wurden grundlegende Erkenntnisse über Wanderwege, Routen und Verhalten der Haie erlangt. Da ich meinen Teil zur Erforschung der Haie beitragen wollte, nahm ich Kontakt mit den amerikanischen "Hai-Kollegen" auf und orderte Material zur Hai-Markierung. Ausgerüstet mit technischem Know-How und voller Tatendrang ging es nun an die Atlantikküste, genauer nach Portugal. Es ist seit langem bekannt, dass dort Haie leben und durch Sportangler regelmäßig gefangen werden. Diesen wollte ich mich anschließen um gefangene Hai zu erfassen, sie zu markieren und wieder frei zu lassen. So fuhr ich 1995 erstmalig zu einer Taggingtour.

Haiwelt:
Wie genau läuft das Tagging ab?

Silvio Heidler:
Nun, man muss sich auf einer der vielen Hochseejachten einchecken. Dieser Spaß ist in der Regel ordentlich teuer. Dann muss man dem Kapitän, der Crew und dem Angler - der in aller Regel seine Beute mitnehmen will und als Urlaubstrophäe an die Wand hängen möchte - begreiflich machen, dass die gefangenen Haie möglichst schonend eingeholt werden, superschnell erfasst und markiert werden und dann sofort wieder sanft ins Wasser zurückgesetzt werden müssen. Eigentlich ganz einfach. Ein Umstand erleichtert so ein Vorhaben dennoch. In den Gewässern Portugals werden zu 90% nur junge Blauhaie gefangen. Hier sind die Kinderstuben dieser Haiart. Das bedeutet, es werden fast nur kleine Blauhaie gefangen. Die sind erstens zu klein für eine wirtschaftliche Verwertung und zweitens ist das Fleisch kaum genießbar. Daher werden diese Haie durch die Bootsbesatzungen meistens eh wieder frei gelassen. Die Frage ist nur wie. Und wenn ein Touri seinen fetten Fisch mitnehmen will...der Kunde ist König. Anders sieht es bei großen anderen Haien aus. Makohaie oder Fuchshai sind beliebte Speisefische und der Kapitän kann damit seine Charter aufbessern. Bei diesen Haien braucht man gar nicht fragen. Ich hatte in soweit Glück, dass bei den Ausfahrten, bei denen ich mit Ausrüstung an Bord war, nur Blauhaie gefangen wurden. Schlecht für die Crew und die Touristen, gut für mich und noch besser für die Haie. Wenn also der Idealfall eintritt, dass ein junger Blauhai anbeisst, wird dieser so schonend wie möglich, also nicht mit ultradünner Leine einhundert mal eingeholt und wieder freigelassen, sondern gleich mit starker Schnur zum Boot geführt. Abhängig von Bootstyp bzw. Ausrüstung wird der Hai nun entweder ins Boot gehoben oder längsseits neben das Boot geführt. Der Hai wird schnell vermessen und das Geschlecht wird bestimmt. Zusätzlich werden Uhrzeit, Fangort, Boot, Angler usw. gesondert vermerkt. Dann kommt das eigentliche taggen. Dazu wurde bereits im Vorfeld ein Taggingpin vorbereitet und auf die Stahlspitze aufgesetzt. Diese Spitze wird nun ganz vorsichtig neben der Rückenflosse des Hais - hier ist die Haut besonders dick und fest - eingestochen. Der Pin sitzt dann kurz unter der Haut und schadet dem Hai nicht. Dieser Pin ist weithin sichtbar und, sollte der Hai wieder gefangen werden, sofort erkennbar. Jeder Taggingpin hat eine Nummer. Zusätzlich befindet sich in einem kleinen Röhrchen ebenfalls eine kleine Karte, wo die Daten eingetragen werden, wenn der Hai irgendwo auf der Welt wieder gefangen wird. Die Karte mit den Fangdaten vom 1. Fang, also dem Fang, wo der Hai markiert wurde, wird an das Institut gesendet, welches das Taggingprogramm organisiert. Dort wird der Vorgang unter der Nummer registriert. Sollte dann irgendwo der Hai wieder gefangen werden und man findet den Taggingpin, sollte dieser ebenfalls an das Institut gesendet werden. Erst dann können Daten abgeglichen werden und es lassen sich Rückschlüsse auf Wanderweg, Größenwachstum, Alter usw. ableiten.

Haiwelt:
Welche wissenschaftlichen Schlüsse lassen sich aus solchen Markierungen ziehen? Bist Du auch für die Auswertung zuständig?

Silvio Heidler:
Leider werden gesammelte Daten vorerst nur in den USA erfasst. Derzeit laufen Bemühungen bei der D.E.G. und den europäischen Partnergesellschaften ein eigenes Taggingprogramm ins Leben zu rufen. Die Vorbereitungsarbeiten dazu laufen noch. Dann ist es eventuell möglich auch hier in Deutschland Daten zu erfassen und auszuwerten. Zu den Ergebnissen der amerikanischen Kollegen gibt es jährlich eine spezielle Broschüre: "The Shark Tagger". Darin sind die jährlich markierten Haie nach Arten erfasst, die Wiederfänge, die Wanderentfernung, die Zeit in Freiheit, die Angelmethode und es gibt spezielle Auswertungen der Wanderrouten. Hier einige Schlagzeilen der Jahre 1990 bis 1996:

  • 1990 - Rekordzeit eine Sandbankhais in Freiheit 25 Jahre; ein Tigerhai 8 Jahre; weiteste Wanderung eine Sandbankhais 2.039 Meilen; Hammerhai 402 Meilen und ein Bullenhai 231 Meilen
  • 1991 - markierter Tigerhai schwimmt von USA bis Dominikanische Republik und Grenada
  • 1992 - einhundertausendster Hai markiert; Sandbankhai nach 24,9 Jahren wiedergefangen; Rekordwanderung eines Bignose Sharks von New Jersey bis Texas 1.800 Meilen
  • 1993 - Zeit in Freiheit Makohai 9 Jahre, Tigerhai 11 Jahre, Düsterer Hai 16 Jahre; Satellitenpeilsender für Blauhaie
  • 1994 - Auswertung der Satellitenüberwachung; Erarbeitung eines Managmentplans für den Haifang in den USA; Studie über Haiparasiten
  • 1995 - Genetische Studien an Haien; Rekordzahl an Makohaimarkierungen
  • 1996 - Auswertung der Langleinenfangstationen, Rekordzahl an Wiederfängen bei Blauhaien und Sandbankhaien; Schwerpunktthema Heringshaie

Haiwelt:
Ist das Tagging sehr gefährlich? Welche Vorsichtsmaßnahmen werden geroffen?

Silvio Heidler:
Tagging ist in der Regel nicht sehr gefährlich. Natürlich muss man sich an bestimmte Regeln halten. Das beginnt mit dem Verhalten auf dem Schiff, hier sollte man unbedingt den Anweisungen des Personals folge leisten. Weiterhin versteht sich von selbst, das Alkohol absolut tabu ist. Auch die Sonne bzw. Hitzschlag sollte man nicht außer Acht lassen. Beim reinen Tagging sollten unbeteiligte genügend Abstand halten. Die Haie sind auch nach langem Drill sehr wendig und kraftvoll. Sollten die Haie ins Boot geholt werden, kann das zu einem Hexentanz werden. Nicht nur das Gebiss ist dabei gefährlich, vielmehr der kräftige Schwanz stellt eine große Verletzungsgefahr dar. Die Leute, die den Hai festhalten bzw. markieren sollten kräftige Lederhandschuhe und lange Kleidung tragen. Die rauhe Haut kann ungeschütze Stellen am Körper sehr schnell verletzen. Auch die Stahlspitze und der Taggingpin stellen eine hohe Verletzungsgefahr dar, daher auch der Sicherheitsabstand für Unbeteiligte. Dass man bei einer Haiangeltour nicht neben dem Boot baden geht, muss man eigentlich nicht erwähnen.

Haiwelt:
Beim Tagging "lernt" man doch einige Haie sozusagen charakterlich "kennen". Gibt es dabei Arten mit denen Du sehr gerne bzw. andere mit denen Du nur ungern arbeitest?

Silvio Heidler:
Ich hatte ja leider im Rahmen von Markierungsarbeiten nur Erfahrung mit Blauhaien. Diese Haiart zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Farbe aus. Bereits von weitem kann man dieses herrliche Blau im Wasser sehen. Diese Farbe verblasst aber sehr schnell, wenn der Hai aus dem Wasser genommen wird bzw. tot ist. Blauhaie werden von Hochseeanglern weniger geschätzt, weil sie keine spektakuläre Gegenwehr liefern. Anders sieht es da mit Makohaien aus, bei denen 10 m Sprünge aus dem Wasser belegt sind. Leider kommen die Makos in europäischen Gewässern nicht in den Genuß einer Markierung, sie landen im Kochtopf. Bei Dornhaien, die ich leider nur tot erleben durfte (Tiefseeart), muss man vor den Dornen höllisch aufpassen. Nicht wenige Fischer sind hier schon zum Teil lebensgefährlich verletzt worden.

Haiwelt:
Gab es ein Ereignis bei Deiner Arbeit mit Haien, dass Dir nicht mehr aus dem Kopf geht?

Silvio Heidler:
Mein Hauptbetätigungsfeld sind die Aquarienhaie. Hier ist es immer wieder schmerzlich vom Tod eines oder mehrerer Tiere zu hören. Mein Anliegen ist es daher seit Jahren, den Kontakt zwischen den einzelnen Haipflegern, auch privaten Aquarianern, herzustellen um so bei Krankheiten oder Problemen schnell helfen zu können. Nichts finde ich schlimmer, als wenn mehrere Haie an derselben Krankheit oder an dem selben Problem sterben müssen, obwohl es eine Lösung gibt. Nicht selten konnte ich verschiedenen Leuten weiterhelfen und mittlerweile bitten mich Zoos um Rat, bevor sie neue Haie in ihren Bestand integrieren. Eine steigende Anzahl von Nachfragen bestätigt die Notwendigtkeit einer solchen Datenerfassung.

Haiwelt:
Abschließend noch eine Frage: Wie siehst Du die Zukunft der Haie?

Silvio Heidler:
Weltweit werden derzeit viele Projekte zum Schutz der Haie ins Leben gerufen. Das zeigt das geänderte Bewußtsein der Menschen überall auf der Welt. Man merkt das auch an Fernsehreportagen. Es wird nicht mehr der Killer gezeigt, man versucht die Haie so natürlich wie möglich darzustellen. Ich denke jeder kann auf seine Weise einen Beitrag leisten. Das kann sehr unterschiedlicher Natur sein. Bei dem einen reicht schon der Besuch in einem Aquarium, damit er anschließend weiß, was überhaut ein Hai ist. Ein anderer entschließt sich, kein Haifleisch mehr zu essen. Das ist sehr gut, nur werden sich nie alle Menschen daran halten. Hier muss schrittweise vorgegangen werden. Seit Jahrhunderten essen Menschen Meerestiere, auch Haie. Ein Umdenken braucht Zeit. Wieder ein anderer, z.B. ein Meeresangler möchte weiterhin Haie angeln, nur entschließt er sich jetzt, die Tiere zu markieren und anschließend frei zu lassen und nicht sinnlos zu erschlagen. Auch das ist ein Beitrag zum Schutz der Haie. Wie schon gesagt, jeder kann auf seine Weise einen Beitrag leisten man muss nur wissen, worum es geht und man muss es wollen.

Haiwelt:
Vielen Dank für das nette Interview Silvio!

 

Interview über Aquarien

Vom 07.05.2003

Haiwelt:
Silvio, wie bist Du überhaupt auf die Idee gekommen, Tipps zur Haltung von Haien in Aquarien zu veröffentlichen?

Silvio Heidler:
Ich hatte im Jahr 2001 den Verfassern der Website Korallenriff.de meine Hilfe zu Fragen der Haihaltung angeboten. Es hatte sich gezeigt, das es doch eine ganze Reihe von Anfragen zu diesem Gebiet gab. Viele wollten einfach nur einen Hai - was in Deutschland ganz legal ist - und wussten nichts weiter über Technik, Kosten und mögliche Haiarten. Ich habe meine Hilfe dahingehend angeboten, um möglichst viel für die Tiere herauszuholen. Bis zu dem Zeitpunkt meiner Veröffentlichungen hat jeder auf gut Glück Haie gehalten. Selbst der Zoofachhandel kann in den allermeisten Fällen keine fachkundige Antwort zum Thema Haie in Aquarien geben. So ist es häufig vorgekommen, das Haie getötet wurden oder es wurde versucht die Tiere an Großaquarien abzugeben. Da ich mit allen Häusern in Deutschland gute Kontakte habe, kenne ich diese Problematik aus deren Sicht. Mit den von mir beschriebenen technischen Anforderungen und der Kostendarstellung habe ich vielen Haien nachweislich das Leben gerettet. Es gab gerade in den ersten Wochen nahezu täglich mehrere Anfragen und Kontakte zu potentiellen Haihaltern, die nach Kenntnis der Komplexität des Vorhabens ihren Traum vom eigenen Hai aufgegeben haben. Weiterhin gab es viele Aquarianer, die dankbar die Fakten umgesetzt haben.

Haiwelt:
Ich habe mir Deine Seite (korallenriff.de/Haie) mal genauer angeschaut und muss sagen, dass ich teils entsetzt bin! Da schlägst Du (nur als Beispiel) für Haie, die bis zu 1 Meter groß werden eine Beckengröße von 3 Metern Länge und 1 Meter Tiefe vor?! Entschuldige, wenn ich es so direkt sage, aber das kann doch wohl nur ein Witz sein.

Silvio Heidler:
Es gibt bis zum heutigen Tag in Deutschland und auch weltweit keine Richtlinien oder Grundmaße für Haiaquarien! Bei Großaquarien gibt es europaweit mehrere Bemühungen (2 Symposien zur Haihaltung bei denen ich Teilnehmer und Referent war). Aber auch hier konnten bisher keinerlei Eckdaten gefunden werden. Die von mir angegebenen Beckengrößen sind erprobte und in öffentlichen Schauaquarien bewährte Mindestgrößen. Dies ist auch so vermerkt. Die Beckengrößen erscheinen einigen zu klein, glaube mir eine weitaus größere Gruppe empfindet diese als viel zu hoch gegriffen. Und ich muss sagen, diese Leute haben nicht mal Unrecht. Ich selbst habe Haie in winzigen Becken gesehen, die gesund waren und sogar Nachwuchs produziert haben. Alleine dieser Fakt würde von allen Fachleuten weltweit als Beweis für eine artgerechte Haltung angesehen werden. Da ich aber hier auch anderer Meinung bin habe ich die Beckenmindestmaße entsprechend erhöht. Selbst in internationaler Fachliteratur sind Beckengrößen angegeben, die teilweise 3 mal kleiner sind als die von mir beschriebenen. Die Autoren sind ausnahmslos anerkannte Spezialisten. Nur ein Bespiel: Für Bambushaie wird international ein Mindestmaß von 110 Galonen - ca. 420 Liter - angegeben... Schon daran sieht man, dass ich den Tieren nichts Böses will.

Haiwelt:
Aber Du weisst doch selber, wie schlecht es um die Haie steht! Wieso gibst Du dann überhaupt Tipps für Privatleute! Wieso kannst Du nicht einfach auf die Situation der Haie hinweisen und baust so eine Argumentation gegen die Haltung von Haien, zumindest im privaten Wohnzimmer, auf? Haie in Großaquarien - auch ein vieldiskutiertes Thema - sind noch insoweit gerechtfertigt, als dass sie für einige Menschen die einzige Möglichkeit darstellen jemals einen lebenden Hai zu sehen. Und wenn auch nur einer von hundert Besuchern des Aquariums dann entdeckt, dass Haie schützenswert sind, so ist das eine verschenkte Leben des Hais vielleicht der Grund, weshalb tausend andere in freier Wildbahn überleben. Aber private Haltung geht doch einfach zu weit oder nicht?

Silvio Heidler:
Hier lebe ich soweit in der Realität, dass ich ganz einfach sage, das wäre am Ziel vorbei. Der Markt ist da! Und damit logischer Weise auch das Angebot. Wie schon beschrieben, habe ich meiner Meinung nach - auch aus den Rückmeldungen - mehr Haien geholfen, als einfach zu sagen gar nicht. Es ist nun mal so, auch wenn es manchen nicht gefällt, es ist erlaubt, die Leute wollen es uns bekommen es. Jetzt sollte man versuchen das wenigstens in geordnete Bahnen zu lenken. Einen höheren Anspruch erhebe ich für meine Arbeit gar nicht, da ich nicht der rigorose Verbieter sein will, das steht mir gar nicht zu, bei der aktuellen Rechtslage. Wenn denn schon Haie zu Hause, dann wenigstens unter bestimmten Grundparametern. Und die von mir geforderten Mindestgrößen stellen im Minimum den Gegenwert eines Mittelklassewagens dar. Schon das zeigt, dass 99% abgeschreckt werden.

Haiwelt:
Per eMail hattest Du mir einmal von einem Hai erzählt, der mehr oder weniger bewegungsunfähig in seinem Becken lag. Damit hast Du doch selbst ein Beispiel gegeben dafür, dass Deine Auffassung, eine Beckengröße sei in Ordnung, solange der Hai überlebt und fortpflanzungsfähig sei (was bei besagtem Hai der Fall war), stark hinkt. Denn, das es dem Hai gut ging (damit meine ich nicht die rein körperliche Gesundheit!), kannst Du mir nicht erzählen!

Silvio Heidler:
Das hast Du falsch verstanden. Ich wollte nur die Machtlosigkeit der deutschen Behörden demonstrieren. Genau dieselbe Geschichte habe ich übrigens auch in Eurem Forum gelesen (Anmerkung von Haiwelt: Gemeint ist das Forum von SharkProject). Der Amtstierarzt, so gut er es auch meint, kann nichts tun. Und das ist eine mächtige Institution auf dem Gebiet. Wenn der schon nichts erreicht, was soll ich dann bewirken, wohl am ehesten durch Überzeugung und mit Grundanforderungen, die durch kaum jemanden bezahlt werden könnnen. Das mit dem Nachwuchs habe ich mit angeführt, weil die internationale Expertenmeinung so ist. Das stammt nicht von mir. Zieht man aber Bilanz und bewertet die Rechtslage, die Möglichkeiten der Amtstierärzte und den Istzustand, so kann ich Dir Recht geben. Das ist kein guter Zustand. Ich habe versucht auf meine Art hier meinen Beitrag zu leisten. Andere Leute wählen andere Methoden. Jeder denkt, das es der richtige Weg ist. Deshalb leben wir in einer freien Welt. Ich werde nicht die Haihaltung verbieten. Ich kann nur an die Halter appelieren und mich für bessere Haltungsbedingungen einsetzen und im Notfall weitervermitteln. Das ist nämlich auch ein wichtiger Punkt. Bei dem strickten dagegen und keine Abstriche machen, sterben diese Tiere garantiert. Mit guten Kontakten zu allen Haihaltern kann man in bestimmten Fällen Tiere retten.

Haiwelt:
Hm ... ich merke schon, dass wir beide hier deutlich verschiedener Auffassung sind und andere Wege eingeschlagen haben. Abschließend noch etwas Aktuelles: Du wurdest mit einem neuen Projekt beauftragt, richtig?

Silvio Heidler:
Man hat mich als Berater für ein europäisches Großprojekt hinzugezogen. Von den anfänglich geplanten 800.000 Litern für ein Haibecken sind wir nach Analyse aller Fakten und vieler langer Gespräche zu der Endgröße von 2.250.000 Litern gelangt. Wer mich bei dieser Größe für ein Haibecken noch einen Tierquäler nennt, dem kann ich auch nicht weiterhelfen. Fakt ist, durch meine Veröffentlichung konnten viele Haie gerettet werden. Ein weiterer großer Teil lebt in annehmbaren Verhältnissen. Es gibt auch Leute, die sich nicht an meine Vorgaben halten, das ist zwar ärgerlich aber deren gutes Recht. Meine Veröffentlichungen sind meine Erfahrungen und meine Gedanken. Natürlich kann man anderer Meinung sein oder Kritik üben. Ich bitte aber um sachliche Kommentare. Man sollte sich erst mal umhorchen und die rechtlichen Grundlagen hinterfragen. Wenn es diese nicht gibt, kann jeder praktisch machen was er will und dann ist es schön wenn es wenigsten gewisse Grundinformationen gibt, die den Tieren helfen.

Haiwelt:
Dann bedanke ich mich ganz herzlich bei Dir, dass man mit Dir auch kontrovers diskutieren kann ohne flappsige Kommentare oder gleich Abfuhren zu bekommen - das ist nicht selbstverständlich! Vielen Dank für das Interview!

Die Interviews führte Gordon Kuckluck.