Dr. A. Godknecht

Interview mit Dr. Alexander Godknecht

Vom 01.02.2002

Haiwelt:
Gibt es irgendwelche besonderen Tipps oder Empfehlungen, die Sie jungen Leuten geben können, die auch Biologie studieren möchten bzw. Biologe/Haiforscher werden wollen?

Dr. Godknecht:
Ich werde häufig gefragt "Wie werde ich Haiforscher?". Eine solche Frage lässt sich leider nicht in einem Satz beantworten. Viele Wege führen nach Rom. Biologie ist, wie auch andere naturwissenschaftlichen Studienrichtungen, nicht das, was man sich landläufig so unter Biologie vorstellt. Es gibt eine Unzahl verschiedener Richtungen wie zum Beispiel Oekologie, Anatomie / Morphologie, Palaeontologie, Entwicklungsbiologie, Verhaltensforschung, Molekularbiologie, Populationsgenetik, Biophysik, Biochemie und so weiter. Einige Universitäten bieten auch spezielle meeresbezogene Studiengänge wie zum Beispiel Marine Ökologie oder Fischereibiologie an.

Dr. Alexander Godknecht

Dr. Alexander Godknecht
© by Dr. A. Godknecht

In jeder dieser Fachrichtungen kann man auch mit Haien arbeiten und wertvolle Informationen über sie herausfinden. Sogar Chemiker, Physiker, Psychologen oder Mediziner um nur einige zu nennen, untersuchen Haie in Bereichen, die für sie interessant sind. Für mich ist ein Hai-Forscher oder eine Haiforscherin jemand, der sich in seinem Wissensgebiet einige Jahre erfolgreich mit Haien beschäftigt hat und so einen gewissen Erfahrungsschatz mit sich bringt. Langer Rede kurzer Sinn: Es kommt nicht so sehr darauf an, was man studiert, sondern dass man sein Wissen schlussendlich für die Erforschung von Haien einsetzt.

Haiwelt:
Was fasziniert Sie so an Haien und wie haben Sie Ihre Leidenschaft für diese Tiere entdeckt?

Dr. Godknecht:
Ich hatte in meiner Zeit in Ägypten häufig die Gelegenheit, im Roten Meer zu tauchen. Dort hatte ich einige Treffen mit Haien und sie haben mich durch ihre Eleganz und ihre Perfektion beeindruckt. Ich hatte natürlich auch gehörigen Respekt vor ihnen.

Haiwelt:
Was war beruflich Ihr bisher größter Erfolg?

Dr. Godknecht:
Hmmm, das ist eine schwere Frage. Als Biologe waren es sicher meine Diplomarbeit über die Biomechanik der Nesselkapseln der Seeanemonen und meine sehr biochemische Dissertation über Mechanismen der Zell-Zell Erkennung bei der Befruchtung der Seescheiden (die haben sehr durchsichtige Eier und die Befruchtung lässt sich ausgezeichnet beobachten). Das fällt jedoch in die Assistenzeit und kann nicht so recht als Job bezeichnet werden. Nach dem Studium bin ich in die Informatik gewechselt und war zuerst für die Biocomputing Software und Server der Uni Zürich zuständig. In der Zwischenzeit bin ich Leiter der Gruppe für zentrale Server und habe nur noch am Rand mit Biocomputing zu tun. Meine Erfolgserlebnisse in diesem Bereich interessieren ihre Leser sicher nicht so sehr. Umso wichtiger ist die ehrenamtliche Arbeit als Präsident der Hai-Stiftung in meiner Freizeit. Hier habe ich noch direkten Kontakt zur Biologie und Forschung, was sehr wichtig für mich ist. Ein "Hai"-Light ist da natürlich die Fertigstellung unserer Hai-Ausstellung.

Haiwelt:
Gab es ein Ereignis, dass Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist bei Ihrer Arbeit als Biologe?

Dr. Godknecht:
Bei meiner Arbeit als Biologie gab es sehr viele sehr schöne Erlebnisse, von denen ich eigentlich keines einem Anderen vorziehen würde. Vielleicht eine Reise durch Frankreich und Andorra mit einem Studienkollegen (er ist in der Zwischenzeit auch im Stiftungsrat der Hai-Stiftung) um Feuersalamander und Vipern für seine Forschungsarbeiten und verschiedene Meerestiere für einen Marine Biologie Kurs zu sammeln. Wir haben festgestellt, dass wir als Biologen doch unwahrscheinliches Glück haben. Kein Büro-Job und die Tiere, mit denen wir arbeiten, kommen an den schönsten Orten vor.

Haiwelt:
Wie kam die Idee auf die Hai-Stiftung (www.sharkinfo.ch) zu gründen und was genau ist deren Ziel?

Dr. Godknecht:
Zuerst muss ich eine häufig gemachte Verwechslung korrigieren. Shark Info (www.sharkinfo.ch) ist das Medien- und Informations-Organ der Hai-Stiftung (www.hai.ch und www.shark.ch). Die Hai-Stiftung finanziert Shark Info und stellt ein Mitglied der Redaktion. Nach dem Studium kam ich durch meinen Studienkollegen Erich Ritter auf den Hai. Erich war nach seiner Dissertation in die USA gegangen, um dort mit Haien zu arbeiten. Wir haben uns bei seinen Besuchen in der Schweiz oft über seine Arbeit und die bedrohliche Lage unterhalten, in der sich viele Haiarten befinden. Ich kam zu der Ansicht, dass es eine gute Idee und vor allem eine Notwendigkeit sei, eine Institution wie die Hai-Stiftung zu gründen und habe es zusammen mit Erich und drei Bekannten und Freunden getan.

Haiwelt:
Wie sehen Ihre Ziele für die nächsten Jahre aus? Wo wird in der Hai-Forschung und auch für Sie persönlich der Schwerpunkt liegen?

Dr. Godknecht:
Die Hai-Stifung wird in den kommenden Jahren vor allem Forschungsprojekte unterstützen, die sich mit der Identifikation von bedrohten Haiarten beschäftigen. Ein Problem der Fischereiinspektoren ist, dass sie keine Möglichkeit haben, zu untersuchen, ob bedrohte Haiarten in Haifängen vorkommen. Prof. M. Shivji von der Nova Universität, USA, erarbeitet eine Methode, mit der das ganz einfach sein wird. Weiter muss das Verhalten von Haien, z.B. Hai-Wanderungen, Gruppenbildung usw. genauer untersucht werden, um sie effektiv schützen zu können. Hier wurde unter der Aufsicht der Hai-Stiftung eine sehr gute Diplomarbeit über Schaufelnasen-Hammerhaie im Golf von Mexiko erstellt. In Punkto Öffentlichkeitsarbeit für die Haie ist auch noch viel zu tun. Die Hai-Stiftung hat eine grosse Hai-Ausstellung. Sie ist noch bis zum 16.02.02 in St. Gallen, geht dann nach Zürich, Basel und Bern. Ein Teil kommt ins SeaLife Zentrum Konstanz. Die Ausstellung ist neben den Web-Seiten und Shark Info unser Haupt-Informationsmedium für die Öffentlichkeitsarbeit.

Haiwelt:
Abschließend noch eine Frage nach dem Schutz der Haie: Wie sieht die Zukunft der Haie aus? Was kann man selbst für den Schutz der Haie tun?

Dr. Godknecht:

  • In Restaurants oder Fischläden, in denen Haiflossen-Suppe oder andere Hai-Produkte angeboten werden, fragen Sie die Eigentümer warum sie Hai verkaufen und versuchen Sie Ihnen zu erklären, warum sie es nicht mehr tun sollten: Viele Haiarten sind gefährdet. Sie regulieren aber als Top-Jäger das gesamte Ökosystem der Meere. Ohne Haie keine Speisefische. Diese Aussage erstaunt, aber: Im ersten Moment wird zwar die Zahl der Speisefische steigen, wenn die Haie verschwinden. Danach beginnt das Chaos: Die Speisefische vermehren sich unkontrolliert, Schwache und Kranke überleben. Die viel zu vielen Fische fressen ihre Umgebung kahl. Die Nahrung der Fische wird knapp, viele werden schwach und krank, stecken andere an und die Population geht stark zurück. Andere Fische wiederum wechseln auf der Suche nach Nahrung in andere Reviere und ziehen die dortigen, stabilen Systeme mit ins Chaos.
  • Kaufen Sie keine Hai-Produkte wie Schillerlocken oder Meeraal und fragen Sie, ob für Ihre Fish & Chips Hai verwendet wurde.
  • Verzichten Sie auf Hai-Steaks. Ist es denn wirklich notwendig, in einem Land wie zum Beispiel der Schweiz, in das in Fülle Meerfisch importiert wird, auch noch Fleisch von bedrohten Haiarten zu importieren?
  • Meiden Sie Präparate, die auf der Basis von Haiknorpel hergestellt werden, sie nützen nicht mehr als beispielsweise pulverisierte Schweinsohren und unterstützen eine Industrie, die jährlich Millionen von Haien vernichtet.
  • Gehen Sie in den Ferien am Meer nicht auf Fischfangausflüge, bei denen auch Haie gefangen werden.
  • Meiden Sie auch die "Tag and Release" Fischerei, bei der Haie "nur" gefangen und markiert werden. Haie können hierbei oft verletzt und später von anderen Haien angegriffen werden.
  • Meiden Sie als Taucher Unterwasser-Rodeos, bei denen Haie mit dem Stock oder sogar von Hand gefüttert werden. Dies kann Unfälle herbeibeschwören und verändert das natürliche Verhalten der Haie.
  • Beschweren Sie sich bei Ihrem Fernsehsender, wenn zum hundertsten Mal eine "Der Weisse Hai" Sendung oder ähnliche "Reisser" ausgestrahlt werden.
  • Falls Sie Artikel lesen oder Ausstrahlungen im Fernsehen sehen, die Haie aus Sensationsgier als blutrünstige Monster darstellen, schreiben Sie an die Autoren oder Verantwortlichen.

Haiwelt:
Vielen Dank für dieses angenehme Interview, Herr Dr. Godknecht!

Das Interview führte Gordon Kuckluck.