Hai-Angriffe auf Menschen

Es gibt mehrere Hypothesen, weshalb es zu Angriffen von Haien auf den Menschen kommen kann:

Verwechslung:

Hartnäckig hält sich die Meinung, dass die scheinbar häufigste Ursache für Haiangriffe, die der Verwechslung sei. Der Hai verwechsele den Menschen schlichtweg mit einem Beutetier. Einige Überlegungen dazu jedoch: Die meisten Haie sind ausgesprochene "Augentiere", d.h. dass sie sich - ähnlich wie wir Menschen - hauptsächlich auf ihre Augen verlassen, zumindest - und gerade -, wenn es um den Angriff auf ein Beutetier geht. Für einen Weißen Hai (Carcharodon carcharias) dürfte es tatsächlich - und trotz seiner ansonsten ausgezeichneten Sinnesorgane - schwierig sein, aus einigen Metern Wassertiefe, eine an der Oberfläche schwimmende Robbe von einem Menschen auf einem Surfbrett zu unterscheiden (s. Abbildungen unten). Das könnte auch u.U. ein Grund dafür sein, dass die Haie häufig sehr schnell wieder vom Menschen ablassen, wenn sie ihren Irrtum bemerkt haben (wobei dieses Verhalten, also das einmalige Zubeißen und wieder Ablassen von der Beute, kein ungewöhnliches oder auf den Menschen beschränktes Verhalten ist).

Nach Meinung vieler Wissenschaftler, ist es dann aber doch nicht ganz so einfach. Immerhin hat der Hai Sinnesorgane, die ihn zu einem Raubtier sondergleichen machen! Eine solch leichtfertige Verwechslung wäre für einen Hai gefährlich und erscheint daher manchem eher unrealistisch. In der Tat ist der genaue Grund für Unfälle mit Haien noch unbekannt. Es scheint aber, dass der Hai versuchen will das Objekt, dass er im Wasser wahrnimmt, zuzuordnen. Ein Surfer passt so eventuell optisch zu einem Seehund. Vielleicht sendet er sogar ähnliche elektrische Reize aus. Aber sicher ist sich der Hai wohl nicht, denn er agiert in der Regel bei Begegnungen mit Menschen äußerst vorsichtig. Daher könnte es sein, dass der Hai den letzten und entscheidenden Test machen will: Er will wissen, ob das "Objekt" fressbar ist oder nicht. Er beisst zu.

Der Vorgang eines Haiangriffs scheint jedenfalls durchaus komplizierter zu sein und muss differenzierter betrachtet werden, als ihn einfach mit einer schlichten "Verwechslung" abtun zu können. Haie sind keine dummen Fressmaschinen, sondern sie sind durchaus intelligente und vor allem vorsichtige Tiere (siehe dazu auch: www.sharkinfo.ch/SI2_98d/angriffe.html).

Revierverteidigung:

Robbe? Oder doch ein Surfer?

Robbe? Oder Surfer? Auch wenn es sich bei diesem Bild um eine Robbe in einem Aquarium handelt, mag es auf den ersten Blick schwierig zu erkennen sein. Und auch der Hai ist ein Augentier... Geht es ihm also wie uns?
© by Kurt Gusbeth

Ein weiterer Grund könnte die Revierverteidigung sein. Es ist bis heute jedoch nicht bewiesen, dass Haie Reviere für sich beanspruchen. Manche Wissenschaftler glauben dennoch, dass Haie - wie viele andere Tiere auch - ein bestimmtes Revier, welches sie gegen Feinde und Konkurrenten verteidigen, zumindest für einige Zeit in Anspruch nehmen (wobei selbstverständlich wieder von Art zu Art unterschieden werden muss). Dringt nun ein Mensch in das Revier ein, kann es dazu kommen, dass der Hai den Menschen für eine Gefahr oder einen Konkurrenten hält und infolgedessen angreift. Jedoch greifen Haie eigentlich nicht sofort an. Zunächst versuchen sie den Eindringling mit Drohgebärden zu vertreiben (z.B. wurde das beim Grauen Riffhai, Carcharhinus amblyrhynchos, beobachtet) und erst wenn diese Gebärden nicht die erwünschte Wirkung zeigen, greifen die Haie an (s. Bild unten rechts).

Es gilt mittlerweile jedoch im Großen und Ganzen als so gut wie hundertprozentig sicher, dass Haie keine Reviere oder Territorien haben. Zu vieles spricht inzwischen dagegen. Sehr wohl kann es aber zu Unfällen kommen, wenn man den Begriff "Territorium" ausdehnt. Hat ein Hai nämlich Beute gemacht, diese jedoch noch nicht komplett fressen können und just in diesem Augenblick wird er von Menschen gestört, so kann es durchaus zu angriffen kommen. Allerdings hätte er hier nicht unbedingt ein Gebiet, als vielmehr nur die Beute verteidigt.

Provokation:

Drohgebärden eines Hais

Der Graue Riffhai (Carcharhinus amblyrhynchos) droht: Er macht einen Buckel und stellt die Brustflossen senkrecht - ein eindeutiges Zeichen.
© by Angelo Mojetta

Es kann sein, dass ein Schwimmer oder Taucher einen Hai (bewusst oder unbewusst) provoziert. Würde ein Taucher beispielsweise einen Hai etwas zu energisch verfolgen (um vielleicht ein Foto zu schießen), so könnte das den Hai durchaus provozieren. Zu erkennen ist dies am Verhalten des Hais. Er wird zunächst versuchen den Verfolger durch Drohgebärden einzuschüchtern (s. Bild rechts). Allerdings muss man natürlich in der Lage sein diese Gebärden zu verstehen. Wohl am Bekanntesten sind die Drohgebärden des Grauen Riffhais, die als "Übertriebenes Schwimmverhalten" bekannt wurden. Der Hai schüttelt Kopf und Schwanz um einen plötzlichen Angriff zu simulieren, bewegt seine Brustflossen senkrecht oder macht einen Buckel und schwimmt dann eine horizontale Spirale oder mehrere Achterfiguren. Dieses Verhalten ist mit dem Verhalten anderer Arten vergleichbar, auch wenn andere Arten nur Teile des oben beschriebenen Ablaufs nutzen. Dies zeigt weiterhin, dass die Haie eine inner-, sowie auch eine zwischenartliche Kommunikation entwickelt haben, deren Code aber zunächst noch vollständig entschlüsselt werden muss. Reicht es dem Hai endgültig, setzt er sich mit seiner Waffe zur wehr. Und diese Waffe ist nun mal leider sein Maul, mit dem er enormen Schaden anrichten kann ...

Immer noch sehr umstritten ist die Erklärung des Angriffs aus Hunger. Hätte ein Hai den Menschen wirklich aus Hunger angegriffen, so hätte er ihn auch gefressen. In der Realität beißt der Hai aber meistens nur einmal zu, lässt dann wieder ab und schwimmt meist - scheinbar irgendwie "erschrocken" - davon. Sein Verhalten ist von dem eines sonstigen Angriffs deutlich zu unterscheiden. Würde der Hai z.B. nur den "Sicherheitsabstand" einnehmen (siehe hierzu "Nahrung"), wäre er in einer ganz anderen Art und Weise davongeschwommen. Allerdings steht man hier auch wieder vor einem Problem: Meist erzählen nur Opfer eines Unfalls, dass der Hai erschrocken davongeschwommen sei; es gibt selten direkte Beobachter. Wie aber definiert sich das "Erschrocken-Wegschwimmen" für den Einzelnen? Zu bedenken ist dabei jedoch, dass dieses Verhalten des Hais nicht nur von einer betroffenen Person, sondern von mehreren beschrieben wurde. Sollten sich alle nicht im Klaren sein, wie es aussieht, wenn ein Fisch erschrocken das Weite sucht?

Aber auch das Medienecho und die damit ausgelöste Hysterie nach Haiunfällen steht in keinem Verhältnis zu der Anzahl von Haiangriffen. Bei ca. 40 Milliarden Badenden im Jahr, kommt es zu im Schnitt 50-75 Haiunfällen, wobei ca. 10 tödlich enden. In den USA wurde errechnet, dass es 30 Mal wahrscheinlicher sei, vom Blitz getroffen als von einem Hai angegriffen zu werden. Seien Sie also bei Ihrem nächsten Urlaub ganz beruhigt: Sie tippen eher einen Sechser im Lotto, als von einem Hai angegriffen zu werden...