Und Darwin liegt doch falsch

Und Darwin liegt doch falsch

Essay von Gordon Kuckluck

Einleitung

Sicher, der Titel dieses Essays ist etwas gewagt und kann missgedeutet werden, weshalb sich die Notwendigkeit ergibt ein paar einleitende Worte loszuwerden. Denn was ich im folgenden darzulegen versuche, ist nicht zu beweisen, dass der Darwinismus völlig falsch ist (denn das ist offenkundig, wie ich meine, nicht der Fall), sondern nur, dass auch der (Neo-)Darwinismus im Prinzip nichts weiter als eine Glaubensrichtung ist und nicht die wissenschaftlich gesicherte Weltanschauung, als die er oft verkauft wird. Ich werde versuchen einige Kritikpunkte an der modernen Evolutionstheorie anzuführen und zur Diskussion zu stellen, was im Endeffekt hoffentlich jeden einzelnen Leser zum Nachdenken anregt. Der (Neo-)Darwinismus kommt sicher unserem logischen Verstand entgegen und kann viele Erscheinungen der Natur logisch erklären, doch ob es letztendlich wahr ist muss auch hier ein Akt des Glaubens bleiben.

Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich von jeglichen kreationistischen Strömungen und sonstigen Anti-Darwin-Organisationen! Mein Ziel ist es eindeutig nicht hier einen Gottesbeweis zu führen! Es geht mir lediglich um die Klarstellung, dass die Evolutionstheorie eine längst nicht bewiesene, größtenteils zwar sehr logische, aber dennoch in mancher Hinsicht spekulative wissenschaftliche Theorie ist und kein gesichertes Wissen! Man kann an sie glauben genau so, wie man auch an eine schöpferische Instanz bzw. einen (oder mehrere) Götter glauben kann, doch glauben heißt eben nicht wissen. Die Evolutionstheorie bietet also demnach nicht mehr (aber eben auch nicht weniger) als eine Alternative zum Gottesglauben.

Darwins Idee

Die Zeit war reif für die Idee eines Charles Darwin. Die Idee eines allmählichen Entstehens der Arten entgegen der allgemeinen Auffassung, ein Schöpfer hätte alle Arten und überhaupt das gesamte Universum unveränderlich geschaffen, schwebte schon vor Darwins Zeit in den Köpfen einiger Denker herum. Die Idee war also weder neu, noch an sich revolutionär. Revolutionär war eigentlich "nur", dass es Darwin gelang die Idee irgendwie wissenschaftlich, teils empirisch, vor allem aber rational und logisch greifbar zu machen und er sich nicht mehr auf eine merkwürdige, nicht näher fassbare Kraft berufen musste, die die Arten einmal schuf oder wenigstens die Veränderungen der Arten lenkte.

Darwin verbrachte viel Zeit damit Fakten und Daten über Tiere und Pflanzen zu sammeln ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wie bzw. ob überhaupt diese Arten alle zusammenhängen könnten. Zudem war er ausgebildeter Theologe und zutiefst vertraut mit der Ansicht, dass alle Arten unveränderlich geschaffen seien. Erste Zweifel befielen ihn nur langsam, als er die Chance erhielt auf seiner Reise mit der "Beagle" Tiere und Pflanzen von überall auf der Welt miteinander zu vergleichen und in ihren spezifischen Verhaltensweisen zu beobachten. Auch lokale Tierzüchter mit ihren Resultaten der fantastischsten Varietäten einer Art, brachten ihn zum Grübeln. Es waren dabei gerade die scheinbar nicht perfekten und vollkommen an ihre Umwelt angepassten Tiere, die Darwin an der Schöpfung durch Gott zweifeln ließen - kein allmächtiger Schöpfer würde derart Unausgereiftes konstruieren. Schließlich gab dann vielleicht der Sozialphilosoph Thomas Robert Malthus mit seinem "Essay on Population", in dem er als Erster das geometrische Bevölkerungswachstum und den lediglich arithmetischen Anstieg an Nahrungsmitteln bemerkte, den Anstoß zur Idee der allmählichen Ausbildung der Arten. Der hier erwartete "Kampf ums Dasein" (wobei dieser Begriff wohl erst später durch den Philosophen Herbert Spencer geprägt wurde) wurde von Darwin als der Motor der Evolution auf die Natur angewandt.

Darwin selbst kostete es offenbar große Überwindung seine Ansichten - in einer Zeit des Gottesglaubens, welcher zwar erste Kratzer erhalten hatte, aber eben dennoch allgemein akzeptiert war - in Form eines Buches zusammenzufassen und zu veröffentlichen, denn er war sich der möglichen Auswirkungen durchaus bewusst und versuchte bis zum Schluss Ungereimtheiten in seiner Idee aufzuspüren. Es mutet fast so an, als wäre Darwin zu Beginn selbst von der enormen Erklärungskraft seiner Theorie überrascht gewesen, hätte sich selbst stark misstraut und suchte nach dem Motto "Irgendwo muss doch ein Haken sein" nach Schwachstellen. Die Idee der natürlichen Selektion entwickelte Darwin um 1838, erste unveröffentlichte Manuskripte finden sich von 1842 und 1844, "Die Entstehung der Arten" jedoch erschien erst 1859.

Darwins Idee dabei war einfach: Die Arten und die ungeheure Vielfalt an Lebewesen auf unserem Planeten, seien nicht Produkt einer Schöpfung, welche unveränderlich ist, sondern die Organismen der Welt befinden sich in ständiger Bewegung, in einem ständigen Wandel, was im Laufe von Jahrmillionen zu der Herausbildung der nun beobachtbaren Vielfalt führte. Lebewesen befinden sich in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt, was langfristig auch in der Natur (und nicht nur durch menschliche Züchterhand) zu Veränderungen und Anpassungen der Lebewesen führt. Dabei stammen alle Lebewesen von (einem?) gemeinsamen Vorfahren ab und die natürliche Selektion wirkt - hauptsächlich innerartlich - durch die Konkurrenz um Nahrung und Lebensraum. Darwin sympathisierte selbst dabei mit der erst später durch Weismann bestätigten Idee der Passivität der Lebewesen bei den (zufälligen) Modifikationen und Anpassungen - im Gegensatz zu Lamarck, der z.B. meinte Giraffen hätten lange Hälse bekommen, weil ihr inneres Bedürfnis Blätter von hohen Bäumen zu fressen, diese Veränderung bewirkte oder doch zumindest begünstigte (in der Folge in seiner Form überspitzt als "Lamarckismus" bezeichnet).

Gerade was jedoch die Entwicklung des Menschen anging, war Darwin sehr zurückhaltend und gibt in seiner "Entstehung der Arten" nur den zarten Hinweis: "Licht wird fallen auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte". Ferner war Darwin in der Aufstellung von Stammbäumen und Diagrammen, die über Verwandtschaftsverhältnisse von verschiedenen Arten spekulierten, äußerst vorsichtig und zeichnete viele gestrichelte oder gepunktete Linien, die alle dünn mit Bleistift aufgetragen wurden. Die Lückenhaftigkeit seiner Annahmen war ihm dabei offensichtlich also nur allzu gut bewusst.

Der Neodarwinismus

Während Darwin sich also in Zurückhaltung übte - gerade was den Menschen und seinen Ursprung anging - waren seine Nachfolger und erklärten Jünger, namentlich z.B. Thomas Henry Huxley und gerade in Deutschland Ernst Haeckel, ungleich mutiger und entschiedener. Die Stammbäume Ernst Haeckels mit ihren dicken Stämmen und fast ebenso dicken Ästen, die die einzelnen Arten in Verbindung brachten, sind legendär. Sie waren es hauptsächlich, die das ohnehin stark vorhandene Interesse der Menschen an der "Entstehung der Arten" (das Buch war ein Verkaufsschlager) zusätzlich anheizten und das neue Bild vom Menschen und überhaupt des Lebens popularisierten und dabei nur allzu oft verzerrten und übertrieben.

Ironischerweise sorgte gerade Darwins Mitentdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russell Wallace (er kam unabhängig von Darwin auf die gleiche Idee und sandte Darwin 1858 einen Entwurf seiner Idee), für die Saat dieses von Haeckel und Co. so dankbar aufgenommenen Gedankenguts. Er war es, der auf der ultimativen Erklärungskraft der natürlichen Selektion als einziger bildender Kraft im Universum beharrte. Noch zu Lebzeiten bemerkte Darwin die ungeheure Kraft dieser Missdeutung seiner bzw. ihrer gemeinsamen Idee (vielleicht hatte Darwin genau das vorausgesehen, weshalb er so lange mit der Veröffentlichung zögerte?): Plötzlich gab es überall, in allen noch so unterschiedlichen Bereichen, eine Evolution, die alles entstehen und nur den Stärksten überleben ließ. Darwin dazu im Jahre 1872, also 13 Jahre nach Erscheinen der "Entstehung der Arten": "Da meine Schlussfolgerungen in jüngster Zeit sehr häufig falsch dargestellt worden sind und da die Auffassung vertreten wurde, dass ich die Veränderungen von Arten ausschließlich der natürlichen Selektion zuschreibe, mag mir der Hinweis darauf erlaubt sein, dass ich in der ersten und den folgenden Auflagen dieses Werkes an eine besonders auffällige Stelle - nämlich ans Ende der Einleitung - die Worte gesetzt habe: ‚Ich bin überzeugt, dass die natürliche Selektion das hauptsächliche, doch nicht das einzige Mittel von Veränderungen gewesen ist.' Doch diese Worte haben sich als nutzlos erwiesen. Die Macht einer unausgesetzt wiederholten falschen Darstellung ist allzu groß." (aus Stephen Jay Gould, "Der Daumen des Panda", S. 52 oben).

Angestachelt wurden die Nachfolger Darwins dann später durch die Entdeckungen der Molekularbiologie, durch die Entdeckung der DNS und den Genen. Der Neodarwinismus war geboren. Endlich hatte man die "Merkmalsträger" gefunden, den Ort, an denen die Modifikationen und Mutationen ansetzen und stattfinden konnten. Weismann war es dann der ein für allemal die Zufälligkeit von Mutationen darstellte und die Unabhängigkeit dieser Mutationen von lamarckistischen inneren Bedürfnissen bekräftigte (so genannte "Weismannsche Schranke").

Was Charles Darwin in seiner erstaunlichen Weitsicht zu verhindern versucht hatte, war geschehen: Ein neues Dogma war geboren, dass einen Gott als Schöpfer überflüssig machte und die natürliche Selektion an die Stelle Gottes setzte, die nun als Schöpfer fungierte und in der alles seinen naturgemäßen Platz und seine Daseinberechtigung erhielt. Nichts war schlecht, alles war natürlich und der Mensch konnte dieser Natürlichkeit sogar noch eine Richtung geben durch seine Erkenntnis der Evolution und der anschließenden, gezielten Züchtung und des direkten Eingreifens in diesen Prozess. In der Folgezeit wurde vielerorts nach "natürlichen" Unterschieden zwischen Menschen gesucht, die die sozialen Unterschiede rechtfertigen sollten. Es war nur legitim anzunehmen, dass es zwischen ethnischen Gruppen messbare Unterschiede gab, da sie schließlich - ihrem schlichten Aussehen nach zu urteilen - unterschiedlich und weitgehend unabhängig voneinander evolvierten. So waren Schwarze schnell dümmer, krimineller und überhaupt schlechter und den Weißen unterlegen und auch der Benachteiligung der Frau wurde versucht ein biologisches, natürliches Fundament zu geben. Gegen solch wissenschaftlich erwiesenen "Tatsachen" konnte man nichts einwenden, ja durfte man nichts einwenden. Der Mensch hatte es plötzlich selbst in der Hand einen "Übermenschen" (siehe Friedrich Nietzsche) zu züchten und seine eigene Evolution voranzutreiben. Auf die daraus resultierenden schrecklichen Ereignisse der (gerade deutschen) Geschichte, brauche ich an dieser Stelle gar nicht erst einzugehen, sie sollen auch nicht Gegenstand dieses Textes werden.

Darwin hinkt

Es stellt sich nun (wieder einmal) die Frage: Hat Darwin Recht? Vorweg möchte ich klarstellen, dass ich keine Ausschweifungen machen möchte auf Darwins Nachfolger, die an Darwins ureigener Formel herumgewerkelt haben. Einen Richard Dawkins der die Einheit der Selektion auf die Gene reduzierte und uns zu bloßen Überlebensmaschinen der egoistischen Gene machte, möchte ich ebenso außen vor lassen, wie all jene, die die Einheit der Selektion auf ganze Populationen ("Gruppenselektion") ausweiteten. Darwins Einheit war klar: Das Individuum, dass um sein Überleben und möglichst großen Fortpflanzungserfolg kämpft.

Darwin ist nicht unangreifbar. Die Unwissenschaftlichkeit Darwins Theorie wurde spätestens mit dem Erscheinen des Philosophen Karl Popper eindeutig: Nach Popper ist das wichtigste Kriterium, dass eine zulässige wissenschaftliche Theorie zu erfüllen habe, das der Widerlegbarkeit. Ist eine Theorie nicht zu falsifizieren, so könne sie unmöglich als wissenschaftlich anerkannte Theorie zugelassen werden, denn wer will mit größtmöglicher Objektivität behaupten können, die Theorie sei wahr, wenn sie sich von vornherein jeglichen Widerlegungsversuchen entzieht? Darwins Theorie ist allein schon aus dem Grund nicht widerlegbar, da sich die Wirkung der Evolution laut Darwin selbst über einen so großen Zeitraum erstreckt, dass man sie kaum in einem Menschenleben beobachten könne. Gut, im Laufe der Generationen könnte es möglich sein, dass die Kinder unserer Kindeskinder die Evolution aktiv beobachten (fast täglich tauchen neue Meldungen von angeblichen "Live-Evolutionen" und Artenbildungen auf), doch wie lange wollen wir warten? Ist es wirklich richtig mit Verweis auf die Zukunft an einer Theorie festzuhalten, die dann vielleicht sogar falsch sein könnte?

Ferner wurde der "Kampf ums Dasein" stark übertrieben dargestellt. Wenn ich hier an meinem Schreibtisch aus dem Fenster schaue, dann fällt es mir schwer den Kampf ums Dasein auszumachen. Vielmehr fallen mir andere Dinge ins Auge, die offensichtlich auch eine Rolle spielen: Die Kooperation zum Beispiel. Ich sehe Bienen, die den Nektar der Blumen saugen und auf diese Weise dazu beitragen den Blumen bei der Vermehrung zu helfen. Ich sehe Flechten, die sich an der Wand des Schuppens ranken und ich sehe Pilze, die vor den Bäumen wachsen und die in wunderbarer Symbiose mit den Wurzeln dieser Bäume leben. Sicher kann man all das auf den Kampf ums Dasein reduzieren und sagen: Wer im Kampf überleben wollte, der war zumindest manchmal offensichtlich gezwungen Kompromisse einzugehen. Doch für viele sind offensichtlich gerade diese Kompromisse, gerade diese wechselseitigen Abhängigkeiten, essentiell wichtig für das Überleben geworden. Ohne diese Kooperation wären sie im "Kampf ums Dasein", in dem die Individuen immer nur sagen "Ich! Ich! Ich!", längst gefallen.

Darwin hat Recht, der Kampf ist vorhanden, die Konkurrenz ist sicher auch eine Triebfeder der Evolution. Aber sie ist nicht die einzige Kraft, die in der Evolution wirkt. Ich beobachte nicht nur Kampf, ich sehe vor allem Frieden, der auf wechselseitigen Gegenleistungen beruht. Ich denke, Darwin selbst hat das durchaus erkannt und die Übertreibung des Kampfes ist viel eher seinen Nachfolgern anzulasten. Dennoch sprach auch Darwin immer wieder vom Kämpfen.

Darwin stürzt

Bereits Darwins Freund und Helfer Thomas Henry Huxley schrieb an Darwin: "Sie haben sich eine unnötige Schwierigkeit aufgehalst, indem Sie den Satz Natura non facit saltum [die Natur macht keine Sprünge] so vorbehaltlos übernommen haben." (aus Stephen Jay Gould, "Der Daumen des Panda", S. 187 oben). Tja, vielleicht hat er Recht. Wieso sagt Darwin, dass die Evolution so langsam und graduell von statten gehen soll, wenn doch so vieles in der Fossilgeschichte auf Sprünge und plötzlichen Tempowechsel hinweist? Seine Ausrede, dass unsere Funde einfach noch unvollständig seien - und diese Ausrede übernehmen auch heute noch viele Paläontologen mit Handkuss - verliert immer mehr an Wirkung. Offensichtlich ging der Übergang von einer Art zur anderen - wenn sie denn so stattfand, wie Darwin meinte - zeitweise so schnell, dass wir keine Zwischenformen in den Gesteinsschichten finden, weil die Zeit einfach zu kurz war.

Weiterhin fällt es einem auch äußerst schwer sich diese graduellen Verbesserungen vorzustellen. Veränderungen an Lebewesen können nach Darwin nur funktioniert haben, also zu mehr Fortpflanzungserfolg geführt haben, wenn sie unmittelbar und direkt einen Selektionsvorteil darstellten. Wie aber können winzige Verbesserungen gleich zu solch einem Vorteil führen? Fest steht: Auch minimale Veränderungen im Erbgut können verheerende Folgen haben, da der Organismus ein Ganzes ist und die Ontogenese in wechselseitiger Abhängigkeit der einzelnen Teile abläuft, wo für die Entwicklung jeder einzelnen Zelle zwar Gene verantwortlich sind, aber auch der Ort und die Umgebung, in der sich die Zelle befindet. Kleinste Veränderungen können also gleich eine ganze Umgebung "mitreißen". Doch wie entstand bei solchen zufälligen Veränderungen z.B. eine Niere? Nur eine ganze Niere funktioniert, nicht eine halbe, graduell mehr und mehr verbesserte. Außerdem braucht ein Körper auch gleich mehr als bloß eine Niere um als Ganzes zu funktionieren, wo also kamen gleichzeitig die Leber, die Milz, das Herz usw. her? Auch durch zufällig entstandene, minimale Veränderungen des Erbgutes? Oder vielleicht doch eher große Sprünge, die schnell abliefen? Wenn es jedoch Sprünge gab, wodurch und wie kamen sie zustande?

Doch auch auf diese Fragen bietet die Moderne Evolutionsbiologie eine Antwort. Das Stichwort lautet: Präadaption. Die Präadaption besagt nichts anderes, als dass die allmähliche Entstehung der Form nicht zwangsläufig auch die allmähliche Entstehung der Funktion erklären müsse. Will sagen: Heute gibt es Vögel, die ihre Flügel zum Fliegen nutzen. Frühere Flügelformen wurden jedoch vielleicht nicht zum Fliegen genutzt, sondern beispielsweise zum Beutefangen. Wo aber sind dann die Reptilien, die zwar noch echte Reptilien sind, aber doch schon Federflügel in anderer Funktion einsetzten? Der Lösungsversuch der Präadaption ist für meinen persönlichen Geschmack viel zu spekulativ, als dass er wirklich in allen Fällen akzeptiert werden kann, auch wenn ich ihm Teilerfolge bei Erklärungen nicht absprechen will.

Zudem gibt es ganz erstaunliche Tatsachen aus der Forschung und sogar aus der Natur. Im Labor konnte man die Mutationsrate der Fruchtfliegen Drosophila um bis zum 25.000fachen erhöhen. Dabei herausgekommen sind seit rund 40 Jahren Forschung immer nur missgebildete Mutanten, die keinerlei Überlebensvorteil verzeichnen können. Müsste nicht langsam mal eine sinnvolle Änderung eintreten, auch wenn sie bloßer Zufall wäre? Sicherlich kann man argumentieren, dass der natürliche Selektionsdruck fehlt, also wie wollen wir in einer künstlichen Umgebung beurteilen, dass alle Veränderungen "schlecht" sind? Ein guter Einwand, wenn die Veränderungen nicht alle so offensichtlich nachteilig wären: Mutanten mit verkümmerten Flügeln, mit Augen an den Beinen, mit missgebildeten Beinen… Schwer sich eine Umgebung vorzustellen in der solche Tiere einen Vorteil im Kampf ums Dasein hätten.

Wie gesagt bietet auch die Natur Beispiele für Ungereimtheiten: Da hat man einen Raben beobachten können, der seinen Schnabel in seiner Neugier in einen Eimer gehalten hat, in dem weiße Farbe war. Folglich war seine Schnabelspitze plötzlich weiß gefärbt. Als der Rabe zu seinen Artgenossen zurückkehren wollte, wurde er aufs Übelste angegriffen und wäre sicherlich tot gehackt worden. Diese als "Ausstoßreaktionen" bekannten Phänomene bei in Gruppen lebenden Tieren, sind schwer mit Veränderungen des Erbgutes und daraus folgenden Selektionsvorteilen vereinbar - gerade auch mit sprunghaften Änderungen, wenn es sie denn gab. Man stelle sich nur mal einen zum positiven mutierten Raben vor (wie immer er auch aussehen möge) und die (Ausstoß-) Reaktion seiner Artgenossen, wenn sie ihn erblicken… Diese Raben haben also einen "Sinn fürs Normale" und wissen, wie ein Rabe auszusehen hat - keine Chance für durch Mutationen veränderte Individuen. Zumindest reicht ein Individuum nicht aus und das gleich zwei oder gar noch mehr die gleichen Veränderungen erfahren haben, so dass sie sich gegenseitig "grün" sind, ist relativ unwahrscheinlich.

Das Problem mit der Natur

Es gibt einige Wissenschaftler, die in der von Darwin aufgestellten Theorie eine große Chance sahen und sehen (zu ihnen gehört auch der hier bereits zitierte Stephen J. Gould). Sie finden es gut, dass der Darwinismus den Menschen von seinem hohen Sockel gehauen hat und ihn mit in die Natur eingliederte. Die Erde verlor ihren Status als Mittelpunkt des Universums, so wie der Mensch nun auch seinen Status als von Gott in seinem Bilde geschaffenes und der Natur mit ihren übrigen Geschöpfen übergeordnetes Wesen verlor. Sie sahen die Chance gekommen, die Einheit und Verwandtschaftlichkeit mit der Natur zu entdecken und hofften auf positive Konsequenzen aus dieser Einsicht für die Menschen als Spezies.

Weit gefehlt kann man, glaube ich, nur sagen. War der Mensch vorher zwar Mittelpunkt der Schöpfung, so konnte er sich dennoch sicher und geborgen fühlen in dieser ihm von einem liebenden Gott gegebenen Welt. Sicher wurde dieser Status teilweise missbraucht, aber ein positives Gefühl für die Menschen selbst blieb. Heute ist dieses Gefühl verloren gegangen. Wir sind Teil der Natur, sind aus ihr geboren worden, ohne einen liebenden Schöpfer glauben wir alle Funktionen des Lebens irgendwie auf die Biologie und/oder sogar die Physik reduzieren zu können. Das Gefühl geborgen zu sein, geliebt zu sein und einzigartig zu sein, ist dem Gefühl eines Kampfes und der Austauschbarkeit gewichen. Die Natur hat uns zwar "geboren", aber wir führen einen Überlebenskampf der uns zwingt uns gegen unsere Konkurrenten durchzusetzen. Die Natur ist Mutter und Freund, sowie auch Feind und Gegner zugleich. Und was noch schlimmer ist: Der Kampf ums Überleben zwingt uns nicht bloß dazu, sondern er rechtfertigt auch noch die Vernichtung der als Konkurrenten und Feinde erlebten anderen Geschöpfe. Er entschuldigt die vom Menschen praktizierte Ausbeutung der Natur. Die Natur, die Erde ist nicht mehr der uns geschenkte Ort Gottes, sondern ein Ort in dem es sich gegen Feinde durchzusetzen gilt. Wir erleben entgegen der Hoffnung eines neuen Gefühls der Einheit mit der Natur, die immer mehr zunehmende Entzweiung mit der Natur.

Kinder und Jugendliche wachsen in einer mehr und mehr zerstörten Umwelt auf. Sie leben in Städten, wo sie teils nichts weiter sehen als Smog, Autos, Blech und Betonwände. Selbst der Blick zum Firmament bleibt ihnen aufgrund der Abgase verwehrt. Konrad Lorenz stellte einmal die wichtige Frage, wie ein solches Kind Ehrfurcht vor der Natur und vor dem Leben an sich lernen solle, wenn es rings um sich nichts weiter als Menschenwerk und zudem sehr hässliches Menschenwerk sähe? Und der Kampf gegen Konkurrenten wird den Heranwachsenden in der Schule, im Sportverein und in der Ausbildung anerzogen (Konkurrenz belebt das Geschäft usw.), so dass es nur natürlich ist, dass sie auch die Natur und ihre Lebewesen als Konkurrenten betrachten.

Fazit

Berechtigterweise kann man nun fragen, wie es weiter gehen sollte. Sollen wir wieder einen Gottesglauben einführen, nur weil wir (noch?) unfähig sind alle Phänomene der Natur zu erklären? Uns einer Illusion hingeben, aufgrund eines Unwissens, welches nur temporär ist und immer weiter schrumpfen wird? Es ist die Frage, ob wir jemals in der Lage sein werden alle Rätsel des Lebens zu lösen und ob wir auf die Aufklärung vertrauen, die uns irgendwann vielleicht wirklich dazu bringt uns bis auf kleinste biologische und physikalische Einheiten zu reduzieren und die ultimative Letzterklärung zu liefern. Schafft sie das? Und vor allem: Wollen wir das? Wie abstoßend wäre doch ein Leben, wenn es keine Geheimnisse mehr gäbe, wenn kein Platz mehr wäre für einen Glauben, wenn es nur noch Wissen gäbe von allen noch so komplizierten Zusammenhängen. Dennoch, so meine ich, ist es keine Frage unseres Wollens, also unserer Entscheidung: Wir können nicht auf kleinste Einheiten und pure Kausalitäten reduziert werden. Denn gäbe es nur Kausalität, so gäbe es keine Freiheit etwas neu anzufangen, diese Freiheit wäre eine Illusion. Da Kausalität nur auf etwas zuvor Existenten aufbauen kann, könnte es echte Freiheit in diesem Falle nicht geben. Es gibt aber Freiheit, der Mensch ist zum größten Teil frei. Sicher ist er nicht nur frei, auch die Kausalität hat ihren Platz. Aber dass Naturkausalität und Freiheit sich nicht widersprechen, hat bereits Immanuel Kant gezeigt. Und auch Kant war es, der immer vor einer Absolutheit gewarnt hat. Diese Warnung ist es, die ich hier wieder aufleben lassen möchte. Alles durch natürliche Selektion zu erklären ist vermutlich ebenso falsch, wie der Versuch alles durch Gottes Allmacht zu erklären. Und auch wenn Darwin Recht hat und der Mensch sich innerhalb einer Evolution mehr oder weniger zufällig entwickelt hat, so macht diese äußere Erkenntnis der Entstehung des Menschen die inneren Probleme unserer Spezies (Moral) nicht weniger evident. Und sich vernünftig mit diesen Problemen in einer Gesellschaft heutiger Ausmaße auseinander zu setzen, erfordert vielleicht wieder die Einführung eines Glaubens an das Gute im Menschen und den Glauben an die Macht dieses Gute zu kultivieren, da wir nicht Sklaven unserer Biologie oder gar Sklaven der Physik sind.

Vielleicht ist der "richtige" Weg nicht entweder Schöpfung oder Evolution, sondern Schöpfung und Evolution? Vielleicht wäre es mal wieder Zeit einzugestehen, dass wir weit davon entfernt sind alles erklären zu können und dass wir viele Dinge zur Entwicklung und Entstehung der Lebewesen noch nicht herausgefunden haben. Erinnern wir uns an Darwins Worte, dass die natürliche Selektion zwar einen Teil der Entstehung der Arten - vielleicht auch die hauptsächliche Ursache - darstellt, aber sicher nicht das einzige Mittel von Veränderungen gewesen ist. Hören wir auf trotzdem alles einzig und allein im Lichte der natürlichen Selektion zu erklären und suchen wir lieber nach den anderen Teilen der Entstehung. Wie könnte man die Sprünge der Evolution erklären? Mit Gott als einer Person oder mit Gott vielmehr als einer treibenden, richtunggebenden Kraft oder Energie? Mit Isolation von Populationen, die enormen selektiven Drücken ausgesetzt waren, z.B. am Rande der ökologischen Nischen und Potenzen, wie von Ernst Mayr vorgeschlagen? Oder gar noch ganz anders, mit noch nicht entdeckten Theorien?

Fakt ist: Darwin gibt eine hervorragende Theorie um die Variationen und Veränderungen einer Art zu erklären (z.B. große oder kleine Hunde, schwarze oder weiße Birkenspanner usw.). Doch kann er auch die Übergänge von einer Art zur anderen erklären? Ein Hund bleibt auch nach der tausendsten Kreuzung mit Artgenossen ein Hund, auch wenn er vielleicht ganz anders aussieht als sein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater. Wie wird aber aus einem Hund eine neue Art? Was bewirkt tatsächlich die Veränderungen die sich später bewähren? Man kann an die Erklärungskraft von Darwins Theorie glauben, aber genau so legitim ist der Glaube an Gott. Und vielleicht liegt der Schlüssel wie so oft in der Synthese zweier scheinbar gegensätzlicher Theorien ...

Auch wenn der Titel des Essays anderes vermuten ließ, möchte ich hier also nochmals klarstellen, dass Darwin nicht falsch liegt. Er hatte wohl Recht, aber eben nur begrenzt in der von Darwin selbst vorgebrachten "reinen" Form des Darwinismus. Die übertriebenen Darstellungen seiner Nachfolger und der Versuch eine alleinige Erklärungskraft der natürlichen Selektion aufleben zu lassen, ist hingegen nicht haltbar. Beginnen wir uns also von diesen Versuchen wieder loszueisen, gestehen wir uns wieder unsere Unwissenheit in einigen Bereichen ein, dass es noch ungelöste Rätsel gibt, dass unsere Erklärungskraft begrenzt ist, dass das Leben das komplexeste Phänomen dieser Welt ist, welches nicht mit der einfachen Formel der natürlichen Selektion allein zu erfassen und zu erklären ist. Schaffen wir dem Glauben und dem Transzendentalen wieder einen Platz zwischen all unserem "Wissen" und der Rationalität. Machen wir uns wieder daran diese ungelösten Rätsel zu erforschen und seien wir ebenso offen für natürliche Erklärungen, wie für neue Theorien, die vielleicht auch wieder einen Gott ins Spiel zurückbringen könnten oder eine gänzlich neue Art die Dinge zu sehen.

*Anspielung auf das Buch des selbsternannten Neodarwinisten Ernst Mayr mit dem deutschen Titel "Und Darwin hat doch Recht" (englischer Titel "One long argument")

Literaturangaben:


Das Darwin-Komplott Das Darwin-Komplott
Preis: EUR 1,44