Intelligenz

Intelligenz der Haie

Viele Menschen halten Haie immer noch für dumme, instinktgesteuerte Killer- und Fressmaschinen, die alles angreifen, was sich in ihrer Nähe befindet. Natürlich spielen beim Hai Instinkte eine sehr große Rolle. Doch  kein Raubtier ist derart unvorsichtig, blindlings alles anzugreifen, was ihm vor die Nase kommt.

Haie sind neugierige Tiere. Wenn ein Hai einen Menschen bemerkt, dann ist er zunächst etwas völlig Unbekanntes für ihn. Der Hai bleibt also im Hintergrund und versucht zunächst das Unbekannte mit all seinen Sinnen zu erfassen. Erst wenn er den Menschen eine geraume Zeit so mit seinen Sinnen "abgetastet" hat (und noch nicht das Interesse verloren haben sollte, was recht häufig vorzukommen scheint), kann es zu einem sogenannten "Probebiss" kommen - d.h. der Hai "probiert" das Unbekannte Objekt, testet also gewissermaßen, ob es essbar ist.

Weißer Hai - Wie schlau ist er wirklich?

Wie schlau ist der Weiße Hai wirklich?
© by Klaus Jost/Hai-Stiftung

Das trifft allerdings in gleicher oder sehr ähnlicher Weise auch auf alle anderen unbekannten Objekte im Wasser zu. Natürlich gehen von dem Objekt gewisse Reize aus; ein Hai interessiert sich weniger für einen reglosen Baumstamm oder wird zumindest recht schnell das Interesse an ihm verlieren. Haie sind vorsichtig und schätzen ständig Gefahren ab, die von einem unbekannten Objekt ausgehen könnten. Denn nichts ist schlimmer für einen Hai als eine Verletzung, die ihn beim Jagen beeinträchtigen könnte.

Zahlreiche Versuche haben bewiesen, dass das Vorgehen eines Hais bei bzw. vor einem Angriffen sehr flexibel ist. Diese Flexibilität schließt Instinktverhalten im engeren Sinne aus, da das beim Angriff immer gleich ablaufen würde. Haie aber verfügen über z. B. unterschiedliche Anschwimmuster an unbekannte Objekte (siehe Thema "Lernen" weiter unten in diesem Text).

Bei einer Ausfahrt konnten die SharkProjects (Wissenschaftler waren unterwegs in Afrika) folgendes beobachten: Weiße Haie (Carcharodon carcharias) waren in der Lage, ihre Angriffsweisen auf einen ausgelegten Köder zu variieren. Konnten sie den Köder nicht langsam und vorsichtig von der Leine reißen, so schwammen sie beim nächsten Versuch pfeilschnell von unten an den Köder heran und bissen einmal mit Gewalt zu - meist erfolgreich.

Eine solche Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an eine Situation ist im Tierreich nicht selbstverständlich und zeugt von gewissen Lernfähigkeiten. Allerdings spricht diese Tatsache noch nicht zwingend gegen Instinkte und für "wahre" oder "höhere" Intelligenz.

Weißer Hai beisst in einen Köder

Weiße Haie (Carcharodon carcharias) sind in der Lage, Angriffe auf einen Köder zu variieren.
© by E. Ritter/SharkProject

Natürlich ist eine gewisse Flexibilität bei Raubtieren üblich. Auch ein Löwe muss in gewisser Weise flexibel reagieren können - nicht jede Verfolgungsjagd gestaltet sich schließlich gleich. Verfügen also Tiere über höhere Intelligenz, lernen oder modifizieren sie sozusagen in gewisser Weise ihr angeborenes bzw. instinktives Verhalten? Oder wählen Tiere nur aus angeborenen Mustern das passende aus (klassisches Instinkverhalten)?

Experimente mit vielen verschiedenen Haien konnten beweisen, dass Haie durchaus in der Lage sind, aus Erfahrung zu lernen. Es gibt derzeit weitere Untersuchungen zur Kommunikation von Haien. Dabei konzentriert man sich momentan auf die Interaktion mit Menschen, doch auch die innerartliche Kommunikation ist noch längst nicht vollständig erforscht. Sollte Kommunikation unter Haien vorhanden sein, wäre dies ein weiteres Indiz für Intelligenz.

Haie sind also weit entfernt davon, einfach nur instinktgesteuerte Fressmaschinen zu sein. Einige Indizien sprechen für die Intelligenz von Haien. Sie agieren stets vorsichtig und umsichtig. Außerdem sind sie in der Lage, flexibel auf unterschiedliche Situationen zu reagieren, lernen aus Erfahrung und passen ihr Verhalten entsprechend an. Haie können sogar Farben und einfache geometrische Formen unterscheiden. Ein gewisses Instinktverhalten zeigen alle Tiere – und auch der Mensch.