Maul & Biss

Das Maul und der Biss der Haie

Die starke Spezialisierung der Zähne der Haie wäre ohne eine gleichzeitige Spezialisierung des Mauls und des Kiefers ziemlich sinnlos. So besitzen nahezu alle Haiarten die sogenannte hyostyle Kieferaufhängung (vgl. dazu auch Urgeschichte). Das bedeutet, dass der Oberkiefer nicht fest mit dem Hirnschädel verbunden ist und in der hinteren Region mit dem sogenannten Hyomandibularknorpel artikulieren kann. Somit ist der Kiefer sehr beweglich und kann beim Biss vorgeschoben werden.

In der Antike glaubte man, dass Haie sich aufgrund der unterständigen Maulposition zum Zubeißen auf den Rücken drehen. Zu derlei Vermutungen kam es, weil kaum die Chance bestand, Haie direkt zu beobachten.

Wie man heute weiß, ist die Schnauze des Hais äußerst zweckmäßig. Sie kann nicht nur aufgrund ihres Vorstehens zum Auftrieb beitragen (vgl. Flossen & Antrieb), sondern auch Sinnesfunktionen erfüllen. Denn an der Schnauze sitzen sowohl die Lorenzinischen Ampullen, sowie die Augen und Geruchszellen (mehr zu diesen Sinnesorganen unter Sinnesorgane und den entsprechenden Unterpunkten).

Ein Weißer beisst zu

Ein großer Weißer Hai (Carcharodon carcharias) beißt zu.
© by Ron & Valerie Taylor
Der Ablauf des Zubeißens

Der Ablauf des Zubeißens.
1. Der Hai schwimmt auf das Opfer zu.
2. Die Schnauze wird, unmittelbar nachdem sich der Unterkiefer gesenkt hat, um 30° bis 40° angehoben.
3. Der Oberkiefer bewegt sich nach vorn, so dass die Zähne deutlich aus der Mundhöhle hervortreten.
© by Angelo Mojetta (modifiziert von Gordon Kuckluck)

Aber im vermeintlichen Märchen der Antike steckt (wie so oft) auch ein Körnchen Wahrheit. Tatsächlich wurde schon beobachtet, wie Weiße Haie (Carcharodon carcharias) sich beim Angriff auf an der Oberfläche schwimmender Beute auf die Seite oder den Rücken drehten.

Der Aufbau des Schädels spricht dafür, dass Haie beim Angriff den Kopf nach hinten biegen, während gleichzeitig der Unterkiefer nach vorne geschoben wird. Schließlich ist es auch der Unterkiefer, der die Beute zuerst berührt.
Übrigens: Ein Tigerhai (Galeocerdo cuvier) hat eine Beißkraft von rund 2.000 kg pro Quadratzentimeter.

Das Angriffsverhalten des Weißen Hai wurde sehr genau erforscht. Man kann einen Angriff in fünf Stadien unterteilen (diese Stadien sind nicht alle im rechten Bild zu sehen):

  1. Der Kopf wird nach hinten gebeugt.
  2. Der Unterkiefer senkt sich.
  3. Die Schnauze wird, unmittelbar nachdem sich der Unterkiefer gesenkt hat, um 30° bis 40° angehoben.
  4. Der Oberkiefer bewegt sich nach vorn, so dass die Zähne deutlich aus der Mundhöhle hervortreten.
  5. Schnauze und Kopf werden gesenkt und der Oberkiefer kehrt an seine ursprüngliche Position zurück (beißt der Hai hingegen mehrfach hintereinander zu, wird die Ruhestellung erst nach dem letzten Biss wieder eingenommen).

Dieser ganze Vorgang dauert nur einen Bruchteil von Sekunden. Rechts sind die einzelnen Schritte vor dem Zubeißen deutlich zu sehen. Der Hai hebt die Nase und schiebt den Kiefer nach vorne. Dann schiebt sich die Nickhaut vor die Augen. Mehr zur Nickhaut unter Sehvermögen.

Im Übrigen haben Haie eine Zunge. Allerdings ist diese im Vergleich zur Zunge vieler Säugetiere von geringerem Funktionsumfang. Sie besteht eher aus einer Art Hautlappen, der fest mit dem Unterkiefer verwachsen ist. So ist die Zunge – abgesehen von wenigen Ausnahmen, wie z.B. dem sogenannten Cookiecutter oder Zigarrenhai (Isistius brasiliensis) – nicht beweglich. Sie ist sehr rau und dient eher dazu, Beute im Maul zu sichern, damit diese nicht herausrutschen kann.